Aller Anfang ist schwer

Antworten
Benutzeravatar
James Brice
Beiträge: 4
Registriert: 03.08.2024, 01:29

Aller Anfang ist schwer

Beitrag von James Brice » 01.01.2025, 19:41

Rachel/Nevada - einige Kilometer entfernt von Area 51 - Dezember 2006

James Brice nahm einen Zug von seiner Bierflasche und warf einen Blick aus dem großen Fenster zu seiner Linken. Schnee gab es in Nevada zwar selten, aber ein leichter Nachtfrost war draußen dennoch bereits zu erkennen. Laut aktueller Wetterprognose lagen ein paar für diesen Bundesstaat echt kalte Nächte vor ihnen, sogar mit Minusgraden. Genau das richtige Wetter also für die Weihnachtsfeiertage, die nächste Woche anstanden.

Der Air Force Major in Zivil ließ seinen Blick zurück zu seinen Begleitern wandern, die inzwischen an mehreren Ecken über die Bar verteilt zu finden waren. Sie waren heute mit einer ganzen Kohorte hier eingefallen, Wissenschaftler, Techniker, Offiziere und Unteroffiziere gemischt. Eine inoffizielle kleine Weihnachtsfeier sozusagen, bevor die meisten sich in einen wohlverdienten Urlaub über die Feiertage verabschiedeten und der Stützpunkt bis zum Jahreswechsel nur noch mit dem nötigsten Personal besetzt sein würde. Wozu er selbst schon mal zählte. Aber das war nicht tragisch aus seiner Sicht. Da seine Eltern gerade auf einer längeren Safari in Afrika unterwegs waren und seine jüngere Schwester in irgendwelche Aktionen im Zusammenhang mit der Regenwaldabholzung für Soja-Anbau verwickelt war, gab es eh keine Chance auf ein Familientreffen über die Feiertage. Aber es gab schon Pläne dieses spätestens im Februar nachzuholen.

Bewusst oder unbewusst, James Augen verharrten schließlich auf Eva Markovic, die an der anderen Seite der U-förmigen Theke saß. Die junge Frau war augenscheinlich in eine Unterhaltung mit einer ihrer Kolleginnen vertieft und spielte nebenher mit einer Hand an dem farbigen Strohhalm in ihrem Glas. Das lange Haar, zur Abwechslung nicht hochgebunden, fiel in rötlichen Kaskaden über ihre zierlichen Schultern. Und gelegentlich nutze sie die freie Hand, um die frechen Strähnen zur Seite zu streichen, die ihr immer wieder ins Geischt fielen. Der Major war der Meinung auch so von der Seite klar den Ansatz eines Lächelns auf den Mundwinkeln der jungen Frau erkennen zu können. Und zwar eines dieser süßen, zaghaften Lächeln, die er so gerne auf ihrem hübschen Gesicht sah... Unbewusst hatte sich auch auf seine Lippen ein keck wirkendes einseitiges Lächeln geschlichen. Und als hätte sie seine andauernde Aufmerksamkeit gespürt, drehte Eva plötzlich den Kopf in seine Richtung und ihre Blicke trafen sich. Das war der Moment, in dem James zurück in die Realität geschleudert wurde, da Eva den Blick mit überraschender Geschwindigkeit wieder von ihm abwandte. Brice blinzelte mehrfach und hörte sich selbst etwas schwerer Ausatmen. Himmel, was machte er sich vor?

Während der Offizier versuchte seine Gedankenwelt wieder zu ordnen, nahm er einen erneuten Schluck aus seiner Bierflasche und versuchte seine Augen auf unverfänglichere Ziele zu lenken. Sein Gedankenkarussell drehte sich parallel jedoch unbeirrt weiter.
Das war nun weiß Gott nicht das erste Mal gewesen, dass er diese junge Frau aus der Ferne beobachtet hatte. Eva Markovic war einfach der Wahnsinn und das in jeglicher Hinsicht. Ihre Attraktivität war ihm bereits bei seiner Versetzung zu Area 51 vor etwas über 1 1/2 Jahren aufgefallen. Allerdings war sie zu diesem Zeitpunkt klar off-limits gewesen, denn sie war mit einem der anderen Ingenieure, einem Harris Beckner, verlobt. Obwohl er Eva zu diesem Zeitpunkt kaum kannte, hatte er Harris zugegeben in gewissem Sinne beneidet. Und sich letztendlich höllisch mies wegen dieser Gedanken gefühlt, denn der arme Kerl kam im Spätsommer des gleichen Jahres unerwartet bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben. In der Folge dieses tragischen Unfalls nahm sich die trauernde Verlobte eine mehrwöchige Auszeit. Was natürlich absolut verständlich gewesen war.
Für eine Dauer von fast drei Monaten war Eva daher nicht auf dem Stützpunkt gewesen. Ein Teil von seinem Gehirn hatte Brice zu diesem Zeitpunkt einreden wollen, dass er dringend mal wieder richtig den Kopf freibekommen und sich in das eine oder andere sexuelle Abenteuer stürzen sollte. Allerdings funktionierte das in der Praxis nur mäßig. Denn auch trotz ihrer Abwesenheit, wanderten seine Gedanken wiederholt zu der jungen Ingenieurin. Er fragte sich, wie es ihr wohl ging. Ob sie klar kam, Freunde und Familie hatten, die momentan für sie da waren… und zig andere Dinge dieser Art.
Und als Eva schließlich wieder zurück war und er ihr im Hangar das erste Mal über den Weg lief, traf es ihn wie ein Schlag. In diesem Moment dämmerte es James zum ersten Mal, dass er sich nicht nur körperlich von dieser jungen Frau angezogen fühlte, sondern etwas anderes dahinter stecke musste.
Nach dieser Realisation hatte er sich natürlich weiterhin zurückgehalten, wenn auch aus anderem Grund als zuvor. Am Anfang war es der Umstand der Verlobung – er war niemand der versuchen würde einen Keil in eine bestehende Beziehung zu treiben – und später, weil er annahm, dass Eva so kurz nach dem Verlust eines geliebten Menschen alles andere als offen für die Avancen eines anderen Mannes war. Doch im Verlauf der letzten paar Monate war es irgendwie fast zu einem Ritual und festem Bestandteil seines Arbeitsalltags geworden, dass er die Augen nach der jungen Frau offen hielt. Oder auch gezielt Örtlichkeiten aufsuchte, an denen die Chancen am höchsten standen ihr über den Weg zu laufen.

Der Offizier musste schmunzeln und griff nebenher nach der bereits geöffnet vor ihm liegenden kleinen Snacktüte, die er sich vorhin an einem der Automaten draußen gezogen hatte. Während er einen Chips-ähnlichen Cracker daraus hervorkramte, bemühte er sich darum seine Augen auf der dunkel gemaserten Thekenplatte ruhen zu lassen.
Vor drei Monaten hatte er, da er absolut zufällig zur gleichen Zeit wie sie im Außengelände unterwegs gewesen war, das Vergnügen gehabt zu beobachten, wie einer der neuen Unteroffiziere es mal mit einer zugegeben ziemlich billigen Anmache auf dem Parkplatz bei Eva versucht hatte. Dem Kerl hatten nach ihrer Ansprache sowas von die Ohren geklingelt... und Brice hatte sich beinahe krampfhaft das Lachen verkneifen müssen. Leider hatte er aufgrund der Entfernung nicht den vollständigen Wortlaut mithören können, aber ihm war aufgefallen, dass Eva ab einem gewissen Erregungsgrad beim Sprechen immer mal vom englischen ins serbische wechselte. Was er zugegeben höllisch süß fand.

Der Major nahm einen erneuten Schluck seines alkoholfreien Bieres. Mit seiner medizinischen Vorgeschichte wollte er es nicht riskieren tatsächlich Alkohol zu sich zu nehmen. Es war ihm von den Ärzten zwar nicht direkt verboten worden, aber auch nicht unbedingt emfpohlen. Und da er selbst nach Lesen des Beipackzettels seiner Medikamente die möglichen Nebenwirkungen dieser Kombination absolut nicht abschätzen konnte, hatte er seinem geliebten schottischen Whisky vorerst Lebewohl gesagt und sich seither auf alkoholfreie Ersatzprodukte beschränkt.
Brice war heilfroh, dass er es inzwischen geschafft hatte ganze 12 Monate am Stück ohne auch nur einen Anfall hinter sich zu bringen. Überhaupt hatte er seit seinem Schädelhirntraume eigentlich ein ganz gutes Blatt gehabt. Es gab zwei Krampfanfälle noch während er sich im Koma befunden hatte. Und noch einige weitere kurz nach seinem Aufwachen. Nach Beginn der medikamentösen Behandlung war das erste Mal für mehrere Wochen am Stück Ruhe gewesen, ehe es wieder einen Rückfall gab. Inzwischen hatte er sogar die besagten 12 Monate hinter sich und es stand im Raum die Medikamente vielleicht sogar abzusetzen. Zumindest war das eine Option. Wobei es aber auch unterschiedliche Meinungen von Ärzten zu seinen gesundheitlichen Prognosen gab. Aber hey, vermutlich sollte es ihn eher überraschen, wenn man sich einig wäre.

James musste in diesem Moment an Dr. Janet Fraiser aus dem SGC denken. Sie hatte ihm gleich zu Beginn offen gesagt, dass eine vollständige Genesung und damit auch eine Überwindung der epileptischen Anfälle nach ihrer Einschätzung unwahrscheinlich waren. Der Grund lag darin, dass seine Hirnblutungen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht wie im klassischen Fall des Schädelhirntraumas durch Krafteinwirkung von außen auf den Schädel verursacht worden waren. Den einen oder anderen Schlag hatte es zwar auch gegeben, sein angebrochener Kiefer und die damit verbundenen Schwellungen und Hämatome auf seiner rechten Gesichtsseite waren dafür ein klarer Beweis, doch die renommierte Ärztin hatte darin nicht die primäre Ursache seiner innenliegenden Kopfverletzung gesehen.
Dr. Fraiser war schon von Beginn an im SGC dabei gewesen und hatte in ihren Jahren dort einiges erlebt und gelernt. Sie hatte einen ausgezeichneten Ruf und wahrscheinlich schon so ziemlich jedem SG-Teammitglied irgendwann mal das Leben gerettet. Aber was sie insbesondere auszeichnete waren ihr Wissen und ihre Erfahrungen im Bezug auf Verletzungsbilder, die durch außerirdische Technologien verursacht wurden, darunter auch die von den Jaffa und Goa’Uld genutzten Waffen. Dass Brice sowohl mit einem Handmodul als auch mit Folterstäben bearbeitet wurde, ging aus den Missionsberichten seiner Teamkammeraden mehr als deutlich hervor. Und es wurde auch von seinen weiteren Verletzungen bestätigt, zum Beispiel über kleinere Brandwunden von längeren Berührungen mit diesen fiesen Folterstäben. Entsprechende Hautverletzungen hatte es vermehrt auch im Bereich seines Nackens und Schädelansatzes gegeben.
Vielleicht war es an diesem Tag ja eine Kombination aus dem Einsatz von Handmodul und Folterstab gewesen. Gepaart, zweifelsfrei, mit dem Wunsch dieses Goa’Uld ihm endgültig den Gar auszumachen, nachdem ihnen Spencer entkommen war. Aber genau würde man es nie wissen. Und auch nicht herausfinden können, selbst wenn er sich doch noch an die Geschehnisse erinnern würde. Diese Hoffnung hatte er inzwischen allerdings aufgegeben. Es spielte aber auch keine große Rolle mehr für ihn, was genau passiert war. Er war einfach nur mehr als froh dem Tod an diesem Tag sowie den folgenden erfolgreich von der Klinge gesprungen zu sein. Und das nicht zuletzt dank Dr. Fraiser, die seine erste behandelnde Ärztin gewesen war. Wenn sie nach Würdigung von alledem was sie gesehen/erfahren hatte, die Auffassung vertrat, dass die Gefäßverletzungen in seinem Schädel mit hoher Wahrscheinlichkeit durch den Einsatz eines Goa’Uld Handmoduls oder Folterstabes gegen den Kopf verursacht worden waren, dann hatte das für ihn eine deutlich höhere Wertigkeit als alles, was ihm andere Ärzte erzählten. Dass galt ebenso für ihre medizinische Prognose, auch wenn diese vielleicht vom Standard auf der Erde abwich.
Laut der von Dr. Fraiser gefertigten Schriftlage war, unter Berücksichtigung der Erfahrungen mit vergleichbaren Verletzungsbildern aus den vergangenen Jahren, bei einer erfolgreichen medikamentösen Einstellung, die Gefahr eines Anfalls annähernd bei null. Dieser Fakt hatte ihm sowohl seinen Führerschein als auch die Weiterbeschäftigung bei der Air Force gesichert. Und diese Prognose hatte sich auch im Verlauf der letzten zwei Jahre bestätigt. Der letzte Anfall war aufgetreten kurz nachdem er mit einem Magen-Darm-Infekt ordentlich flach gelegen hatte. Sprich, nachdem er über einen Zeitraum von fast 72 Stunden restlos alles wieder ausgekotzt hatte, was er zu sich nahm. Inklusive der Tabletten. Also hatte er praktisch, wenn auch nicht ganz freiwillig, eine Art Selbsttest durchgeführt. Das Ergebnis von diesem war Motivation genug auch an den von Dr. Fraiser empfohlen Check-Ups alle sechs Monate im Air Force Krankenhaus nahe Colorado Springs dran zu bleiben. Sowohl um sicher zu sein, dass mit der Schwabbelmasse in seinem Schädel weiterhin alles okay war, als auch um den Ärzten zu ermöglichen Informationen zu sammeln, die dem nächsten Betroffenen vielleicht in irgendeiner Form helfen konnten.

James drehte die inzwischen fast leere Bierflasche zwischen den Fingern. Er hing an seinem Leben. Das tat er wirklich, auch wenn er es nicht mehr ganz so gestalten konnte wie ursprünglich geplant. Statt im SGC war er nun in Area 51. Statt als Mitglied eines Erkundungsteams andere Planeten zu erforschen oder irgendwo in einem Krisengebiet auf der Erde in einem Kampfjet zu sitzen, koordinierte er die Sicherheitsteams auf diesem Stützpunkt, erstellte Schichtpläne und aktualisierte bzw. optimierte die Routen und Abläufe. Statt mehrtägigen Einsätzen mit wenig Schlaf und teils miesen Wetterbedingungen, hatte er nun einen 9-to-5 Job in einem eigenen Büro (von Nachtarbeit war ihm grundsätzlich als möglicher Trigger für epileptische Anfälle ebenfalls abgeraten worden).
Aber auch trotz diesen Einschnitten/Veränderungen hatte James immer noch sein Leben. Er war noch vollkommen er selbst. Er konnte Sport treiben, ausgehen, sich mit Freunden und Familie treffen… Er konnte einfach leben. Und das war mehr als manch anderer, der nach einem schief gelaufenen Einsatz im schlechten Zustand nach Hause zurückgekommen war. Und über die Arbeit in Area 51 war er dank der ganzen mitgebrachten Gegenstände von anderen Planeten und anhängenden Missionsberichten als Grundlage für die Laboruntersuchungen doch noch relativ nah dran. Nah genug auf jeden Fall, um eine grobe Vorstellung davon zu haben, was in der Galaxie momentan so abging.

Sowohl die Gedanken als auch Augen des Majors in Zivil wanderten nun doch erneut auf die andere Seite der Theke, dieses Mal zielsicher direkt zu Eva Markovic. Sie saß noch immer am gleichen Platz wie zuvor. James kannte es absolut nicht, dass eine Frau so sehr seine Gedanken beherrschte. Bisher war er eigentlich der Typ für kurzfristige und spaßzentrierte „Bekanntschaften“ gewesen. Aber diese Frau zog ihn irgendwie auf eine andere Art und Weise an. Es war wie eine komplett neue Ebene, die er weder vollständig verstehen noch einordnen konnte. Sie waren in den letzten Wochen häufiger miteinander ins Gespräch gekommen. In der Kantine, bei seinen Routinerunden durch die Hangars, Labore und Werkstätten. Oder bei ihren Pausen, die sie bevorzugt für einen Abstecher an die frische, wenn auch meist warme bis heiße, Wüstenluft an der Oberfläche nutzte.
Es war ihm ein absolutes Rätsel, aber diese Frau, ihr gesamtes Wesen wirkte wie ein verdammter Magnet auf ihn, dem er sich einfach nicht entziehen konnte. Ein (vermutlich unreifer) Teil seines Verstandes wollte ihm einreden, dass das einfach eine Folge von sexueller Frustration war. Denn statt sich tatsächlich mit Frauen zu treffen und etwas Dampf abzulassen, waren in den vergangenen Monaten seine Gedanken an die junge hübsche Ingenieurin seine andauernden und einzigen Begleiter in den Abendstunden. Doch James wusste, dass es daran nicht liegen konnte. Schließlich war es nicht so, dass er die Alternative nicht ausprobiert hatte. Er hatte einfach Probleme gehabt ein entsprechendes Interesse an anderen Frauen aufzubauen. Es war also definitiv etwas anderes als Testosteron, was ihn hier antrieb. Und umso länger dies der Fall war, umso mehr begann er in Erwägung zu ziehen, dass seine wilden Junggesellenjahre vielleicht einfach vorbei waren. Vielleicht war es an der Zeit etwas zu ändern, vielleicht gab es was neues wonach er nun suchte.

James beobachtete, wie eine weitere Person sich in das Gespräch zwischen Eva und ihrer Kollegin einklinkte. Dr. Angus Medford, einer der Wissenschaftler von Area51, der zur regulären Gruppe gehörte, in der Eva sich bewegte. Allem Anschein nach forderte Medford Evas Gesprächspartnerin zu einer Runde Dart heraus, was die junge schwarzhaarige Frau auch prompt annahm. Der Platz direkt neben der Ingenieurin mit den serbischen Wurzeln wurde somit frei. Aus Gründen, die James immer mehr bereit war im Detail zu erforschen, war er nicht gewillt diesen Barhocker potentiell einem anderen Exemplar der männlichen Spezies zu überlassen. Er trank daher mit einem eiligen Schluck sein Bier aus, schnappte den Rest seiner kleinen Snacktüte und machte sich auf den Weg durch die gut besuchte, aber dennoch nicht überfüllte, rustikale Bar in Richtung der jungen Frau mit den rotblonden Haaren.
Zuletzt geändert von James Brice am 18.01.2025, 19:30, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
Eva Markovic
Beiträge: 2
Registriert: 03.08.2024, 01:30

Beitrag von Eva Markovic » 01.01.2025, 23:12

Eva Markovic, eine eigentlich eher introvertierte Ingenieurin, saß derzeit mit einem Longdrink bewaffnet an der Theke in einer zugegeben überraschend gemütlich wirkenden Bar und hörte ihrer Kollegin Alicia Nevins aufmerksam zu. Das hieß, zumindest soweit das möglich war, denn das Physik-Genie sprach in der Regel in so einem hohen Tempo, dass man als Mensch ohne diverse Abschlüsse in Informatik und Astrophysik kaum mit ihr mithalten konnte.
Während Alicias Redeschwall nahtlos und ungebremst von den Grundfigurationen für die Lebenserhaltungssysteme und Sauerstoffaufbereitung in die neuen Kalkulationen für die Navigationssysteme überging, ließ Eva ihre Augen kurz zur Seite abschweifen. Dabei traf ihr Blick plötzlich und für sie unerwartet den von Major James Brice, der einige Meter entfernt auf der anderen Seite der U-förmigen Theke saß. Als unkontrollierbare Reaktion auf diesen Zufall spürte die junge Frau ein verräterisches Zucken ihrer Mundwinkel, die beinahe ein schüchternes Lächeln formen wollen, geparrt mit einem Gefühl von Hitze auf ihren Wangen. Um diesen Umstand vor ihrem direkten Umfeld zu verstecken, wandte sich die Siebenundzwanzigjährige so schnell sie konnte von dem Offizier ab, führte parallel ihr Glas zum Mund und trank etwas ihres alkoholhaltigen Longdrinks durch den pinken Strohhalm.


„Schaut er etwa schon wieder rüber?“

Diese plötzliche und so gar nicht in den Rest des Monologs ihrer Kollegin hineinpassende Frage, warf Eva vollkommen aus dem Konzept. Überrascht lileß sie den Strohhalm mit den Lippen los und blickte sie zu Alicia auf, mit einem verwirrten, aber auch leicht alarmiert wirkenden Ausdruck auf dem Gesicht.

„Du brauchst dich echt nicht zu schämen oder sowas, das ist dir klar, oder? Ich meine, der Unfall ist jetzt über ein Jahr her. Es waren einige echt harte Monate für dich, wie sehr weiß hier wahrscheinlich kaum jemand außer Angus und mir. Trotzdem würde keiner, und insbesondere auch nicht Harris, dir einen Vorwurf machen oder schlecht über dich denken, wenn du Interesse an einem anderen Mann entwickelst.“

Evas Blick war weiterhin von Ungläubigkeit gezeichnet. Ihre Augenbrauen hoben sich deutlich an, als sie den Blickkontakt zu ihrer Kollegin abbrach um ihr Glas sicher auf der Thekenoberfläche abzustellen.
„Alicia, ich habe absolut keine Ahnung wovon du spricht.“

Nun sah die junge Physikerin mit ihren wilden schwarzen Locken ihre Sitznachbarin wiederrum mit hochgezogenen Augenbrauen an, die sogar bis über den Rand ihrer großen Brillengläser reichten.
„Echt jetzt??“

Andere hätten diesen Moment vielleicht für eine kurze Pause genutzt, auch um die bereits gesprochenen beiden Worte durch die nachfolgende Stille besonders zu betonen. Aber bei Alicia reichte die Pause gerade mal zum Luft holen.

„Ich meine James Brice, natürlich! Diesen Air Force Major da drüben. Groß, blonde Haare, blaue Augen. Oberarme und Schultermuskulatur wie Herkules… Ziemlich schick in Uniform, wobei man ihn meistens aber eher in den praktischeren Einsatzklamotten rumlaufen sieht, die die Sicherheitsteams auch tragen. Wobei ihm Jeans und ein legerer Pulli aber auch ganz gut stehen…. Nicht, dass mich das interessiert! Ich meine, interessiert im Sinne von ‚interessiert‘, natürlich!“

Das letzte „interessiert“ begleitete die Physikerin mit einer schwungvollen Handgeste für Ausrufezeichen.

„Es ist ja nicht so, dass ich einen besonderen Grund hätte auf sowas zu achten, immerhin habe ich Angus. Aber manche Dinge drängen sich einfach auf. Wie beispielsweise, dass man den Major echt häufig selbst im Hangar oder den Werkstätten auf Patrouille sieht, obwohl er doch einen ganzen Haufen der Unteroffiziere für diesen Job hat. Und ich habe natürlich etwas nachgeforscht, drüben in der Biologieabteilung bei Angus taucht er nur alle paar Wochen mal auf, wenn überhaupt. Das Gleiche gilt für den Bereich der Archäologen. Auffällig, findest du nicht?"
Das letzte war eindeutig eine Frage, aber Alicia schien nicht wirklich eine Antwort zu erwarten, denn sie ließ Eva auch gar nicht die Zeit dafür irgendetwas zu erwiedern.
"Und soweit ich das heute Abend beobachten konnte, kann der Major keine 5 Minuten die Augen von dir lassen. Genau genommen ist das sonst im Stützpunkt auch nicht anders wenn ihr euch im gleichen Raum befindet. Ach, und wenn ihr euch mal unterhaltet - beziehungsweise diskutiert, ich habe zugegeben noch nicht wirklich häufig gehört wie ihr eine normale Unterhaltung miteinander führt, man könnte meinen der Herr steht darauf sich von dir die Leviten lesen zu lassen... na jedenfalls, er hat dann immer direkt dieses absolut idiotische Grinsen auf dem Gesicht! Und du hast diese supersüßen rote Wangen und Ohrenspitzen… Ah ja, genau wie jetzt!“

Eva wünschte sich in diesem Augenblick nichts sehnlicher als im Erdboden zu versinken. Sie spürte mehr als deutlich, dass ihr tatsächlich die Hitze ins Gesicht gestiegen war, ihre Wangen glühten förmlich. In einem verzweifelten Versuch das zu überspielen, beeilte sie sich einen erneuten Schluck von ihrem Drink zu nehmen. Dieses mal allerdings direkt aus dem Glas ohne Strohalm, dafür hatte sie jetzt nicht mehr die notwendige Geduld. Dummerweise war der Nebeneffekt von dieser Handlung jedoch, dass Alicia die Möglichkeit bekam ungehindert weiterzusprechen…

„Ich selbst bevorzuge ja eher den akademischen Typ, wie Angus halt. Allerdings kann ich dennoch die Attraktivität eines so durchtrainierten Soldatenkörpers nachvollziehen. Ich meine, dieser Mann kann einen sicher wortwörtlich auf Händen tragen! Angus hat mich nicht mal im Huckepack bis zur Hütte zurück bringen können, als wir mit dem Wissenschaftsteam diesen Wanderausflug unternommen haben und ich mir den Knöchel verstaucht hatte… Aber stimmt, da warst du gar nicht dabei, sondern in Moskau bei deiner Großmutter. Glaub mir, in diesem Moment hätten wir echt jemanden gebrauchen können, der so eine rohe körperliche Stärke aufweist! Es war wahnsinnig peinlich, dass wir wegen mir als gesamte Gruppe abbrechen mussten und ich immer im Wechsel von zwei Leuten beim Laufen gestützt wurde. Der Rückweg hat eine halbe Ewigkeit gedauert…“

In Anbetracht der Tatsache, dass Alicias Redeschwall noch immer nicht beendet war, zog Eva nun doch wieder langsam am Strohhalm und beobachtete, wie sich der Inhalt ihres Glases unaufhaltsam leerte. Immerhin nach der Monolog ihrer Kollegin und Freundin nun eine andere Richtung an. Sie hatte es inzwischen offenbar selbst geschafft dieses absolut absurde Thema von Major Brice und ihr hinter sich zu lassen und stattdessen wieder von ihrem einzigen Lieblingsthema neben der Arbeit zu berichten… Dr. Angus Medford. Die beiden waren zugegeben ein süßes Pärchen, wenn auch noch recht jung mit Mitte 20. Aber als beide direkt nach ihrem jeweiligen Studium von der Air Force unter Vertrag genommen wurden (bei Alicia angeblich, weil sie sich aus Spaß ins Pentagon gehackt hatte…) und sich hier in Area 51 kennen gelernt hatten, war direkt der Funke übergesprungen. Trotz der Unbeholfenheit, die man bei beiden im Bezug auf zwischenmenschliche Interaktionen immer mal beobachten konnte, hatte es nur wenige Wochen gedauert, ehe sie offiziell ein Paar waren.
Bei ihr selbst und Harris war es nicht viel anders gewesen. Kennen gelernt hatten sie sich zwar genau genommen schon vor ihrer Abreise in die USA in Russland, im Rahmen der dortigen Einweisungsveranstaltungen und Briefings dazu, was von ihnen und ihrer Arbeit hier erwartet wurde. Aber der wirklich private und regelmäßige Kontakt, der Austausch auf Basis der eigenen Sprache, die einem noch irgendwie ein Gefühl der Sicherheit gab, all das hatte sich erst hier entwickelt. Und es war eine wirklich schöne Zeit gewesen. Zumindest bis zu seinem Unfall…

Eva war soweit mit ihren eigenen Gedanken abgedriftet, dass sie von Alicias weiterem Monolog nicht mehr wirklich etwas mitbekommen hatte. Gott sei Dank wurde sie auch von potentiell peinlichen Nachfragen der Physikerin verschont, da Angus plötzlich neben ihnen stand und seine Angebetete zu einer Runde Dart herausforderte. Alicia ließ sich zu allem herausfordern, was im engeren oder weiteren Sinne mit Physik zu tun hatte. Und es stand außer Frage, dass sie dieses Spiel zu einer Abhandlung über die physikalischen Aspekte beim Werfen eines Dartpfeiles ausufern lassen würde (Egal ob sie mit diesen die Scheibe traf oder nicht). Aber solange sie und Angus Spaß dabei hatten, war alles perfekt.
Die junge Frau mit serbischer Herkunft nickte ihren beiden Freunden zustimmend zu, als sie ankündigten zur Dart-Scheibe zu gehen, machte selbst aber keine Anstalten von ihrem Platz aufzustehen. Sicher wäre es kein Problem gewesen, wenn sie den beiden gefolgt wäre um zuzusehen. Aber Eva hatte ehrlich gesagt nichts gegen ein paar Minuten ohne menschliche Konversation, in denen sich sowohl ihre Ohren als auch ihr Gehirn etwas entspannen konnten. Sie würde daher einfach noch etwas hier sitzen und ihren Drink genießen. Oh ja, das klang hervorragend.

Doch nachdem sich die beiden Turteltauben schließlich entschuldigt und von ihr abgewandt hatten, fiel es Eva weiterhin schwer ihren Kopf mal für einen Moment ernsthaft abzuschalten. Vielleicht durch all die Sachen die Alicia mit Bezug auf eine gewisse Person vor wenige Minuten von sich gegeben hatte.
Es stimmte schon, Major Brice war ein sehr attraktiver Mann. Da gab es nichts zu bestreiten. Und ja, abgesehen von diesem nervigen Grinsen wirkte er... nett. Sie hatten in den letzten Wochen tatsächlch einige Male miteinander gesprochen. Und damit meine Eva ernsthaftes unterhalten und kein "aufziehen" oder "Leviten lesen". Diese Gespräche hatten stattgefunden, wenn sie sich auf dem Weg in oder zurück von ihrer Mittagspause in Richtung Labor befunden hatte. Alicia konnte hiervon nichts wissen, da die junge Serbin bei diesen Gelegenheiten in der Regel alleine im Stützpunkt unterwegs war. Aber die Gespräche waren nie sonderlich lang gewesen und hatten meist eher oberflächlicher Smalltalk enthalten.
Aber davon abgesehen hatte sie bisher angenommen, dass der Major in jeder Abteilung ein gewisses Interesse an den dortigen Arbeiten zeigte. Immerhin war allgemein bekannt, dass er vor seiner Verwendung hier in Nevada selbst für ein SG-Team im SGC gearbeitet hatte. Warum er hierher versetzt wurde, wusste sie allerdings nicht. Aber das ging sie ja auch nichts an.

Die Siebenundzwanzigjährige rührte mit ihrem Strohhalm in den Überresten des gecrushten Eises in ihrem Glas. Sie spielte mit dem Gedanken erneut zu dem Offizier hinüber zu schauen. Einfach nur um herauszufinden, ob das was Alicia gesagt hatte wirklich stimmte und er regelmäßig in ihre Richtung blickte. Aber sie zögerte. Was würde es denn bedeuten, wenn er tatsächlich zu ihr rüber sah? Abgesehen von den Gelegenheiten, bei denen er sie mit seiner Art bewusst aufzuziehen (oder auf die Palme zu bringen) schien, konnte sie nicht direkt etwas negatives über ihn sagen. Er war ihr gegenüber grundsätzlich respektvoll, wenn sie genauer darüber nachdachte.
Aber sie hatte von einigen Unteroffizieren Geschichten darüber gehört, dass der Major bei Frauen angeblich alles andere als wählerisch war und wohl eher Masse als Exklusivität schätze… So etwas war nichts für sie. Nein, sie wollte nicht ein reiner Strich am Bettpfosten irgendeines Mannes werden. Aber andererseits stammten diese Infos vom Hörensagen, sprich sie hatte keine Ahnung, ob es überhaupt stimmte und wenn ja bis zu welchem Grad. War es gerecht ihn vorab zu verurteilen? Nein, das war es nicht. Also sprach zumindest nichts dagegen seinen Blick zu erwidern, sollte er tatsächlich noch einmal zu ihr sehen.
Und abgesehen davon… mit einer Sache hatte Alicia Recht gehabt. Die vergangenen Monate war das Thema Männer so gar nicht auf ihrem Radar gewesen. Aber sie konnte schlecht ewig den Kopf in den Sand stecken. Und auch wenn sie Harris noch immer vermisste, so hatte sie in ihrem Inneren längst akzeptiert was geschehen war. Wenn es etwas gab, worin sie zu viel Übung hatte, dann war es vermutlich Trauer. Aber das brachte es leider mit sich, wenn man noch vor der Volljährigkeit enge Familienmitglieder verlor und auch im Freundeskreis aufgrund von Kriegen und dem Zerfall des eigenen Landes mit dem Tod konfrontiert wurde. Genau deswegen war sie über die damalige Empfehlung und das darauf folgenden Angebot in den USA zu arbeiten so glücklich gewesen. Denn das war endlich eine Möglichkeit gewesen ihr altes Leben hinter sich zu lassen und von vorne anzufangen. Und das an einem Ort, der weniger von Konflikten erschüttert wurde, als ihr Geburtsland.

Eva gab sich Mühe dieses bedrückende Thema hinter sich zu lassen und sich wieder auf das hier und jetzt zu konzentrieren. Doch als sie schließlich den notwendigen Mut gefasst hatte um aufzusehen, musste sie feststellen, dass der vorherige Platz von Major Brice leer war. Überrascht überflogen ihre blauen Augen das nähere Umfeld, doch auch dort konnte sie den Offizier trotz seiner Größe und auffälligen Statur nicht ausmachen.


„Будала…“ („Dummkopf…“) murmelte die junge Serbin an sich selbst gerichtet leise vor sich hin. Innerlich aufgebracht und enttäuscht, ließ sie ihren Blick wieder zu dem inzwischen leeren Glas zwischen ihren Fingern sinken und biss sich auf die Unterlippe. So viel zu dem Thema… Eva schämte sich regelrecht dafür, dass sie Alicias Schilderungen so viel Wert zugeschrieben hatte. Nein, eigentlich lag es nicht an Alicia. Wofür sie sich in Wirklichkeit schämte war die Enttäuschung, die sie gerade empfand und die ihr bewusst machte, dass sie doch tatsächlich irgendwann angefangen hatte zu hoffen…

Benutzeravatar
James Brice
Beiträge: 4
Registriert: 03.08.2024, 01:29

Beitrag von James Brice » 05.03.2025, 08:21

James hatte etwas Mühe sich durch beziehungsweise um eine größere Gruppe herum zu arbeiten, die augenscheinlich zu einem Junggesellenabschied gehörten und den armen Bräutigam gerade in ein absolut unvorteilhaftes und unmännliches Kostüm zwängten. Himmel, auf so etwas würde er selbst sich definitiv niemals einlassen. Eher stieg er in den nächsten Flieger nach Timbuktu…
Zudem wollte er nicht zu hektisch wirken. Hektik war der kleine Bruder von Verzweiflung und nichts davon war im aktuellen Moment angemessen. Er konnte daher nicht einfach die Ellenbogen einsetzten und losrennen. Sondern besann sich darauf sich im normalen Tempo vorzuarbeiten, auch wenn das dem einen oder anderen Kollegen die Chance gab ihn nochmal kurz anzusprechen. Er war Gott sei Dank ganz gut darin Gespräche mit ein, zwei Worten zu beenden, wenn er wollte, und das ohne sein gegenüber vor den Kopf zu stoßen oder anschließend Schadensbegrenzung betreiben zu müssen. Dennoch dauerte es letztendlich etwas, bis er die eigentlich gar nicht so große Distanz zur anderen Thekenseite hinter sich gebracht hatte und nur noch wenige Schritte hinter Eva Markovic stand.

Brice räusperte sich leise um den dezenten Klos in seinem Hals zu vertreiben, mit dem er in Evas Gegenwart schon häufiger das Vergnügen gehabt hatte. Dann gab er sich selbst einen letzten Ruck und steuerte zielstrebig den freien Barhocker neben der rotblonden Serbin an.

Als James der jungen Frau näher kam, konnte er hören, wie sie etwas vor sich hinmurmelte, das er nicht verstand. Tja, da es weder nach einem englischen noch schottischen Wort klang und er auch andere Standards wie Französisch und Spanisch ausschließen konnte, tippte er darauf dass sie mal wieder in ihre Muttersprache verfallen war. Soso, unbeobachtete Selbstgespräche wurden also auch auf Serbisch geführt. Diese neue Info brachte ihn doch glatt wieder zum Grinsen.
Ohne jegliches Zögern erkennen zu lassen, ließ Brice sich lässig auf den freien Barhocker neben Eva nieder und beobachtete die junge Frau dabei von der Seite her. Ihr Blick sah überraschend grimmig aus, weshalb er sich einen neckenden Kommentar absolut nicht verkneifen konnte.


„Vorsicht, Markovic. Das Glas springt Ihnen noch aus den Händen, wenn Sie es weiter so böse anfunkeln.“

Antworten