Isolationsraum 2

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Janet Fraiser
Chefärztin Rapiditas
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Beitrag von Janet Fraiser » 20.07.2025, 19:03

Dankbar nahm Janet die Spritze mit Propofol entgegen und war sich doch nicht sicher, ob sie sie einsetzen sollte. Der Kreislauf des Colonels war so geschwächt, dass das Propofol ausreichen könnte, um ihn wieder einen Herzstillstand erleiden zu lassen. Sie wollte es erst einmal auf die sanfte und vor allen Dingen auch schonendere Art probieren. Aus den Augenwinkeln bekam sie mit, dass sowohl Carson als auch Doktor McKay den Raum betreten hatten, doch sie beachtete die beiden nicht weiter. Ihr Fokus lag ganz alleine auf ihrem Patienten, der wirklich auf Teyla zu hören schien. Seine Körperspannung verringerte sich, sein Puls wurde sogar langsamer, während Sheppard unter Teylas Anleitung tatsächlich wieder anfing tiefer zu atmen. Er schien sogar die Schmerzen zu ignorieren, die seine gebrochenen Rippen sicherlich verursachten. Seine Atmung war tief genug, dass das Narkosegas gleich wieder anfangen würde zu wirken. Das erschreckende war jedoch, dass die Präzision mit der er die Anweisungen seiner Teamkameradin befolgte, nur bedeuten konnte, dass er wach genug war, um sie zu verstehen. Auch wenn ihm teilweise die Kontrolle über seinen Körper fehlte, hatte er das Bewusstsein wiedererlangt und war in der Lage zu hören, Anweisungen umzusetzen und seine Atmung zu kontrollieren. Dabei hätte das gar nicht geschehen dürfen. Er hätte nicht aufwachen dürfen. Das Narkosegas hätte ihn bewusslos halten müssen. Sie hatte es absichtlich geringer dosiert als üblich, um ihn zu schonen und nun kam ihr der Gedanke, dass das ein Fehler gewesen sein könnte. Bei vielen Special Ops Soldaten, besonders denen, die ähnlich wie General O’Neill oder auch Colonel Sheppard auf unzählige Geheimmissionen geschickt worden waren, lag durch ihr langjähriges Training eine gewisse Resistenz gegen Narkosemittel vor, wodurch die üblichen Formeln und Faustregeln nur noch bedingt anwendbar waren. Daher hatte sie sich auf die von Carson festgehaltenen Basisdosen verlassen, diese aber noch einmal reduziert, um den Kreislauf des Colonels nicht unnötig zu belasten. Es war ja nur darum gegangen ihn schlafen zu lassen und nicht sein Schmerzempfinden für eine Operation vollkommen auszuschalten. Doch nun fragte sie sich, ob es zu dieser Situation überhaupt erst gekommen war, weil sie zu wenig Narkosegase eingesetzt hatte.

Skeptisch rollte sie die Propofolspritze zwischen ihren Fingern, während sie beobachtete, wie der Colonel seinen Kampf aufgab und wegzudriften schien. Miss Emmagan schaffte es wirklich und trotz ihrer Anspannung gelang es Janet der Athosianerin ein Lächeln zu schenken und ihr zuzunicken als Bestätigung, dass sie ihre Aufgabe gut machte. Sie wollte nichts sagen, um weder Miss Emmagan abzulenken noch den Colonel wieder durch eine fremde Stimme zu irritieren. Er sollte nun einfach ruhig einschlafen. Auch seine Hirnwellen begannen sich zu normalisieren. Es waren immer mehr Alphawellen zu sehen, während die chaotischen Auslenkungen verschwanden. Doch plötzlich tauchte von einer Sekunde auf die andere eine ganz andere Art von Chaos auf. Das Licht auf der Krankenstation fiel aus und die Bildschirme der Überwachungsgeräte wurden dunkel. Selbst das Beatmungsgerät stellte den Betrieb ein, obwohl es eigentlich über eine interne Energieversorgung für den Notfall verfügte, und die Ventile der Gaszuleitungen wurden aus Sicherheitsgründen automatisch geschlossen. Verdammt, sie konnte nur hoffen, dass die Daten gesichert worden waren. Sie brauchten diese Informationen, um Sheppards Zustand bewerten zu können. Die Atmung des Colonels wurde bedeutend schwerer, als er gegen den nicht funktionierenden Blasebalg ankämpfte. Schnell öffnete sie ein Ventil an der Atemmaske, das es ihm erlaubte die normale Umgebungsluft zu atmen und er wurde zumindest für einen Augenblick wieder ruhiger. Nur ihr Versuch ihn erneut zu narkotisieren wurde damit abermals deutlich verzögert. Wenigstens kehrte die Beleuchtung innerhalb kürzester Zeit wieder zurück, aber die Geräte benötigten Zeit, um hochzufahren. Zeit, in der sich der Zustand des Colonels plötzlich zusehends verschlechterte. Das Beatmungsgerät fuhr wieder hoch und als der eingebaute Computer fälschlicherweise keine Atemversuche feststellte, versuchte er sofort wieder mit Druck Luft in die Lunge ihres Patienten zu bringen. Sie schloss das Ventil und hoffte, dass es Sheppard gelingen würde ruhig weiterzuatmen, doch stattdessen stieg seine Körperspannung gewaltig. Den Grund dafür konnte sie immer noch nicht nicht nachvollziehen. Gerade hatte noch alles gut gewirkt, doch dieser Stromausfall machte all ihre Fortschritte wieder zunichte.

Sheppards Gesicht war schmerzverzerrt. Zwar schien er gegen die Schmerzen anzukämpfen und zu versuchen weiterhin seine Atmung zu kontrollieren, doch es war ein Kampf, den er eindeutig verlor. Was auch immer mit ihm geschehen war, er schien Schmerzen zu haben, als hätte man ihm gerade in die Brust geschossen. Endlich lief auch das EKG wieder und sofort begann der Alarm des Geräts in ihren Ohren zu schrillen. Das Herz des Colonel stolperte. Er war möglicherweise nur noch Augenblicke von einem weiteren, mit allergrößter Sicherheit tödlichen Herzinfarkt entfernt. Aber sie durften ihn jetzt nicht verlieren, nicht nachdem sie die Situation schon wieder fast unter Kontrolle gehabt hatten. Auch das EEG aktivierte sich wieder. Es gab keinen Alarm von sich, aber die Daten waren genug, um ihr zu sagen, dass sich eine Katastrophe anbahnte. Ihre Finger wanderten bereits in Richtung der Kappe, mit der die Propofolspritze verschlossen war, doch noch bevor sie ihm das Narkosemittel geben und damit hoffentlich, das, was sich im EEG bereits abzeichnete, verhindern konnte, begann der Körper des Colonels zu krampfen. Er riss die Augen auf und starrte mit unnatürlich geweiteten Pupillen nach oben. Von seiner grauen Iris war höchstens noch ein kleiner Rand zu erkennen. Im Kopf stellte sie sofort eine Medikamentenkombination zusammen, auf die der Colonel hoffentlich ansprechen und die ihn aus dem Krampf herausholen würde. Midazolam, um den Krampfanfall zu unterbinden. Lorazepam wirkte zwar stärker, aber dieses Medikament konnte sie aktuell nicht anwenden, da er zuvor im Koma gelegen und einen Herzstillstand erlitten hatte. Würde sie Lorazepam einsetzen, würde sie ihn möglicherweise direkt in einen weiteren Kollaps treiben. Thiamin, um seinen Kreislauf zu stabilisieren und ihn gegebenenfalls auf die Gabe weiterer Medikamente vorzubereiten. Der Colonel war zwar nicht mangelernährt, aber die Tatsache, dass er seit seiner letzten Untersuchung fünf Kilogramm Gewicht verloren und seine letzte Mahlzeit am gestrigen Morgen alles andere als ausreichend gewesen war, sorgte dafür, dass sie es für sinnvoll hielt, auch dieses Medikament anzuwenden.

“Krampfanfall. Sauerstoffzufuhr auf 15 l/min. Kaitlin, Midazolam 10 mg intravenös, Thiamin 50 mg intravenös, sofort! TJ, Blutzucker prüfen.”, gab sie ihrem Team augenblicklich Anweisungen und sagte ihnen mit dem ‘sofort’, dass sie gar nicht erst auf weitere Anweisungen warten, sondern die Medikamente direkt nach deren Vorbereitung verabreichen sollten. Aktuell zählte jede Sekunde. Sie mussten den Colonel aus diesem Krampfanfall holen. Fast automatisch blickte sie auf ihre Armbanduhr und überprüfte anschließend die Lichtreaktion seiner Pupillen, indem sie die Augen kurz mit ihrer Hand bedeckte. Sie waren vollkommen lichtstarr und der Colonel reagierte auf die Berührung an der Stirn mit noch stärkeren Krämpfen.

“Beginn Krampfanfall 1311 57 Sekunden. Anzeichen für tonisch-klonischen Anfall. Pupillen lichtstarr. Scanner bereithalten.” Sobald sie den Colonel wieder stabilisiert hatten, wollte sie umgehend einen Scan seines Gehirns machen. Sie hoffte sehr, dass dieser Anfall nicht epileptischer Natur war, sonst würde sich für Sheppard, selbst wenn er wieder gesund werden würde, alles verändern. Ein einziger epileptischer Anfall konnte dafür sorgen, dass er seine Flugerlaubnis als Test- und Kampfpilot verlor. Aber bevor sie sich überhaupt Gedanken über seinen Flugstatus machen konnten, musste er diesen Anfall überstehen.

Unkontrolliert warf der Colonel seinen Körper hin und her.
“TJ, Oberkörper fixieren.”, wies sie ihre Schülerin an. “Carson, Beine übernehmen.”, bezog sie schließlich auch ihren Kollegen ein, während Kaitlin das Midazolam direkt in den Zugang an Colonel Sheppards Arm spritzte.

Ein weiterer Blick auf ihre Uhr. 1313 32 Sekunden. In einer Minute sollte das Midazolam anschlagen. Zumindest hoffte sie es. Da es zur Gruppe Benzodiazepine gehörte, war es nicht unwahrscheinlich, dass der Colonel auch gegen dieses Medikament eine gewisse Resistenz besaß. In Sheppards Akte war ihr nichts aufgefallen, dass er während seiner Arbeit für das Stargate Programm irgendwann Midazolam erhalten hatte, aber sie war nicht bereit ein Risiko einzugehen. Fast eine Minute war vergangen und der Colonel krampfte immer noch.

“Weitere 10 mg Midazolam intravenös als Bolus.” Weitere Zuckungen sorgten dafür, dass Sheppard den Kopf zur Seite schlug. Die Befestigung der Beatmungsmaske löste sich und die Maske wurde fast zur Seite geschleudert. Eilig griff Janet danach und legte sie wieder auf das Gesicht des Colonels. Sofort fiel ihr etwas auf. Sie musste das Gesicht des Colonels nur berühren, um die Krämpfe noch zu verschlimmern. Möglicherweise machte die Unterkühlung seinen gesamten Körper schmerzempfindlich. Wenn er doch nur auf das Midazolam ansprechen würde, aber bisher gab es keine Reaktion. Sie konnte nicht noch länger warten. Sie musste die zweite Stufe der Behandlung einleiten.

“Leve…”, begann sie, als ihr plötzlich noch etwas anderes auffiel. Durch den hohen Blutdruck lief Sheppard wieder Blut aus der Nase und Janet hoffte sehr, dass das Blut tatsächlich nur aus einer geplatzten Ader in der Nase stammte und nicht ein Hinweis darauf war, dass die beschädigte Ader in seinem Gehirn wieder angefangen hatte zu bluten. Und das war nicht die einzige Blutung, die der Colonel hatte. Bei seinen unkontrollierten Bewegungen musste sich der Venenkatheter verschoben haben. Er hatte sich den Katheter nicht vollkommen aus dem Bein gerissen, aber so weit verschoben, dass die Nährlösung nicht mehr in die Vene abgegeben worden sondern in die Muskulatur gelangt war und dort eine Schwellung verursacht hatte. Erst jetzt, wo sich die Schwellung nicht weiter ausdehnen konnte, trat neben dem Venenkatheter Blut aus, das durch die Mischung mit der Nährlösung nahezu eitrig wirkte.

“Carson, Venenkatheter!”, rief sie ihrem Kollegen zu, während sie immer noch die Atemmaske fixierte. Es war zwar schon so viel von der Nährlösung in das Bein des Colonels gelangt, dass eine Entzündung, möglicherweise sogar eine Operation, um die Wunde zu reinigen, gar nicht vermeidbar war, aber es sollte nicht noch mehr von der Lösung, die außerhalb des Blutkreislaufs beträchtliche Schäden anrichten konnte, in das Bein kommen.

Unfähig auf ihre Armbanduhr zu schauen und weiterhin die Beatmungsmaske zu fixieren meldete Kaitlin die bereits vergangene Zeit.
“6 Minuten 8 Sekunden.” Der Anfall dauerte nun schon mehr als fünf Minuten. Damit wurde ein epileptischer Anfall immer wahrscheinlicher und alle damit verbundenen Konsequenzen oder war es vielleicht doch etwas anderes? Sie wusste nicht genau, was der Colonel schon alles mitgemacht hatte, immerhin war ein großer Teil seiner Akte geschwärzt, aber alleine wenn sie von den Verletzungen ausging, die er erlitten hatte, dann war er, obwohl er noch nicht einmal vierzig war, in der Gefangenschaft bei Kolya nicht zum ersten Mal gefoltert worden. Was als tonisch-klonischer Anfall begonnen hatte, entwickelte sich vielleicht immer mehr zum dissoziativen Krampfanfall und selbst wenn das nicht der Fall war, dann befand er sich in einer hochgradig traumatischen Situation. Glücklicherweise erinnerten sich viele Patienten nicht an einen Krampfanfall, aber die, die es taten, beschrieben es als äußerst beängstigend derart die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren und nichts gegen den Krampf tun zu können. Er brauchte jetzt sein Team. Auf McKay konnte sie nicht zählen. Er hatte schon damals, als Sam einen Stromschlag erlitten hatte, gezeigt, dass er in solchen Situationen selbst in eine Art Schockstarre verfiel, aber Miss Emmagan würde ihr sicherlich helfen können.

“Teyla, sprechen Sie weiterhin mit ihm. Sie hatten es vorhin fast geschafft ihn zu beruhigen. Das können Sie wieder schaffen.”, redete sie der Athosianerin Mut zu, denn wenn das so weiterging, dann hatten sie keine Chance den Colonel zu retten.

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Teyla Emmagan
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Beitrag von Teyla Emmagan » 01.01.2026, 20:08

Ihre innere Anspannung war Teylas Körper mehr als deutlich anzusehen, auch wenn es ihr nach außen hin gelang in ruhiger und gefasster Stimme ihre Worte an John zu richten. Sie wusste nicht, ob dieser Versuch wirklich etwas bringen würde, ob ihr Teamleiter überhaupt in der Lage war ihre Worte wahrzunehmen, geschweige denn deren Bedeutung zu verstehen. Die Erläuterungen von Dr. Fraiser hinsichtlich seines gesundheitlichen Zustandes und der aktuellen Medikation waren noch frisch in ihren Gedanken. Andererseits… er hatte bereits auf sie reagiert, auf ihre Berührung, ihre Ansprache. Die junge Athosianerin kam nicht umhin zu befürchten, dass sie all das hier erst mit ihrer Anwesenheit und ihren Handlungen ausgelöst hatte.
Aber das spielte im Augenblick keine Rolle. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um auch nur den kürzesten Gedanken an irgendwelche Ängste oder Selbstvorwürfe zu verschwenden. Nein, es gab nur eine Sache, die jetzt wichtig war und auf die sie sich daher mit vollem Einsatz konzentrieren musste: John.

Und tatsächlich, plötzlich geschah etwas. Mit einem Male spürte Teyla, wie sich der zuvor krampfhaft feste Griff von Johns Hand um ihre Finger ein wenig lockerte. Der plötzliche Unterschied war für die junge Frau deutlich merkbar. Für einen winzigen Augenblick fragte sie sich, ob der Offizier möglicherweise bereits im Begriff war wieder vollends in die Bewusstlosigkeit abzudriften. Aber nein, seine Finger verloren nicht vollständig ihre Spannung. Das konnte es daher nicht sein. Handelte es sich somit womöglich um ein Signal von ihm? Eines, dass sie hoffen lassen konnte?
Die Athosianerin ließ ihren Blick von Johns Gesicht zu ihren ineinander liegenden Händen wandern. Sein Griff war immer noch fest, oder eher ‚bestimmt‘, aber ihr bisheriger Eindruck, dass er sich einfach nur krampfhaft an irgendetwas festzuhalten versuchte, verschwand. Die Art wie er nun ihre Finger hielt… sie wirkte viel kontrollierter, sanfter. Aufmerksam verfolgte die junge Frau die Konturen von seinen schlanken und gleichzeitig kräftigen Fingern. Die Verkrampfung der dortigen Muskulatur schien tatsächlich verschwunden, die Sehnen und Adern traten nicht mehr so stark hervor und auch die Blässe um die Fingerkuppen war wieder von einem natürlichen Hautton abgelöst worden.
Unfähig ihren Blick von Johns Hand, welche wie ein winziges Fenster zu seinen innersten Gedanken auf sie wirkte, abzuwenden, verharrte Teyla in ihrer Position. Und dann sah sie es. Mit einem Male löste sich der Daumen ihres Teamleiters von ihrer Haut und wurde angehoben. Für einen kurzen Augenblick verharrte dieser einzelne Finger reglos in der Luft. Die Athosianerin konnte ein schwaches Zittern in den Gelenken erkennen, vermutlich ein Überbleibsel der Anstrengung der vorherigen Minuten oder ein Ausdruck seiner schwindenden Kraft. Dann konnte sie beobachten, wie Johns Daumen sich senkte. Nicht ruckartig, sondern langsam und kontrolliert, bis er ihre deutlich dunklere Haut erneut berührte. Teyla fühlte einen leichten aber bestimmten Druck, der von seinem Daumen auf ihren Handrücken ausgeübt wurde.
Aus einem inneren Impuls heraus, achtete sie mit voller Konzentration auf diese winzige Geste. Sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, wie lange es insgesamt andauerte, denn Zeit war etwas was sie in der aktuellen Situation nur schwer einzuschätzen vermochte. Und doch kam ihr bereits in dem Moment, in dem ihr Teamleiter diese Berührung initiierte, eine Erinnerung in den Sinn. Mit einem stillen und dennoch kraftvollen Atemzug sog die junge Frau frische Luft in ihre Lunge. Das konnte nicht sein, oder? War John etwa soweit bei Bewusstsein, dass er ihr auf diesem Weg eine Nachricht zukommen lassen wollte?

In Gedanken ging die Athosianerin innerhalb kürzester Zeit die vielen Abfolgen durch, die der Offizier ihr erstmals während ihres unfreiwillig länger andauernden Aufenthalts auf M1B-129 beigebracht hatte. ‚Morse-Code‘ hatte er diese Art der Kommunikation genannt, bei der man über Klopfgeräusche oder auch die kontrollierte Nutzung von Lichtquellen wie Taschenlampen sogar über größere Distanzen Buchstabe für Buchstabe eine Nachricht übermitteln konnte. Eine zusätzliche Option dieses Mittel der Kommunikation im Stillen zu nutzen und insbesondere üben zu können, stellte ein Körperkontakt wie zum Beispiel der jetzige dar.
Teyla erinnerte sich daran, wie sie auf M1B-129 nebeneinandergesessen hatten, in ihrem Rücken ein alter, teils morscher Baumstumpf, hinter dem seinem einige moosbewachsene Felsbrocken. Nur wenige Meter von ihnen entfernt lag der Eingang zu einer Höhle, in dessen Inneren eine abgeschaltete Wraith-Apparatur ruhte. Eine gefährliche Gerätschaft, die beinahe dafür gesorgt hätte, dass sie sich gegenseitig umbrachten, ebenso wie es den Mitgliedern des Teams von Major Leonard ergangen war… Doch zum Glück war es nicht soweit gekommen. In buchstäblich letzter Minute war es ihr gelungen Rodneys Notizen durchzulesen und John dazu zu bringen die Hauptleitung für die Stromversorgung des Gerätes zu unterbrechen. Worauf sich – den Vorfahren sei Dank - die Halluzinationen, in denen alle außer sie selbst gefangen gewesen zu sein schienen, vollständig auflösten.
Da das DHD vorab bei einer Explosion erheblich beschädigt worden war und auch der entfernte Kontrollkristall zwischenzeitlich zerstört wurde, hatte es keine Möglichkeit mehr gegeben von ihrer Seite aus das Sternentor anzuwählen und nach Atlantis zurück zu kehren. Auch die Nutzung eines Jumpers schied aufgrund des engen Baumbewuchses im direkten Umfeld um das Tor herum aus. Zu ihrem Glück hatte die Deadalus zur Verfügung gestanden und den Auftrag übernommen sie abzuholen. Bis zur Ankunft des Erdenschiffs an diesem Planeten hatten sie jedoch noch einige Stunden überbrücken müssen.

Die von Carson angebotenen Schmerzmittel, die die Schusswunde in ihrem Oberschenkel durchaus erträglicher hätten machen können, hatte Teyla damals bewusst abgelehnt. Ihr war nicht wohl bei dem Gedanken gewesen ihre Wahrnehmung durch irgendwelche Substanzen, so angebracht ihre Nutzung auch erscheinen mochte, beeinträchtigen zu lassen. Die offensichtliche Gefahr mochte gebannt gewesen sein, aber die Athosianerin würde ihrem Körper und Geist erst erlauben sich vollständig dem Gefühl der Sicherheit hinzugeben, wenn sie sich an Board der Deadalus befanden. Und nun ja… genau genommen hatte es noch einen weiteren Grund für diese Entscheidung gegeben.
John hatte sich dich neben ihr niedergelassen. Sie erinnerte sich noch sehr gut an die leichte Berührung seines Oberarms der flüchtig ihre Schulter gestreift hatte, als er seinen Platz an ihrer Seite einnahm. Der Lieutenant Colonel mochte in seinem Gespräch mit Elizabeth per Funk gewohnt gefasst gewirkt haben, ebenso auch in seinen Reaktionen auf die wiederholten Sticheleien durch Rodney und Ronon, begründet in dem Umstand, dass beide von ihrem Teamleiter unter dem Einfluss der Illusionen angeschossen worden waren. Aber sie hatte dennoch erkennen können, wie sehr Johns Innerstes von den Geschehnissen erschüttert worden war.
Stumm hatte er neben ihr gesessen, nachdem er sie alle aufgefordert hatte sich etwas auszuruhen. Seine grauen Augen schienen in eine weite Ferne gerichtet zu sein, während auf seinem Gesicht anstelle von Erleichterung noch immer ein dunkler Schatten gelegen hatte. Zweifelsfrei ein Nachhall von den schmerzlichen Erinnerungen, mit denen er sich konfrontiert gefunden hatte. Sie fürchtete jedoch, dass seine Gedanken nicht nur von den, vermutlich lange verdrängten, Ereignissen seiner Vergangenheit belegt waren, in deren Illusion das Gerät der Wraith ihn die vergangenen Stunden über gefangen gehalten hatte. Nein, sie nahm an, dass auch sein Bewusstsein dafür eine Rolle spielte, wie gefährlich nahe er durch sein eigenes Handeln daran gewesen war, die Leben seiner eigenen Teammitglieder auszulöschen. Sie zweifelte nicht daran, dass diese Realisation sehr schwer auf ihm lastete. SGA-1 in seiner Gesamtheit war so viel mehr als einfach nur ein Team, das galt für ihn ebenso wie für Rodney, Ronon und sie selbst. Sie waren Freunde. Mehr noch, sie waren durch all die gemeinsamen Erlebnisse im Verlauf der vergangenen Jahre zu einer Form von Familie zusammengewachsen, wenn auch ohne die Bande des Blutes zu teilen.
Gerne schob Teyla die Absicht, sich von ihren eigenen körperlichen Schmerzen ablenken zu wollen, als Grund ihres weiteren Handelns vor. Aber insgeheim wusste sie, dass es vielmehr der Wunsch gewesen war, John von seinen düsteren Gedanken abzulenken. Aus diesem Grund hatte sie aktiv das Gespräch mit ihm gesucht. Sie hatte sich danach erkundigt, ob es ihm damals gelungen war seinen Kameraden, Captain Holland, zu retten. Es stellte dabei leider keine Überraschung für sie dar, als John dies verneinte. Umso wichtiger erschien es ihr in diesem Moment darauf hinzuweisen, dass aber sie – die Mitglieder ihres Teams ebenso wie Carson und Lieutenant Kagan – überlebt hatten. John hatte letztendlich bei der Abschaltung der Wraith-Apparatur eine wesentliche Rolle gespielt. Ihr alleine wäre dies durch ihre Verletzung sicher nicht rechtzeitig gelungen.
Irgendwie hatte sich das Gespräch zwischen John und ihr nach diesem kurzen Dialog wie von alleine fortgesetzt. Rodney hatte währenddessen mit etwas Unterstützung eines leichten Schlafmittels von Dr. Beckett endlich die Ruhe gefunden seine Augen zu schließen. Carson hatte sich neben dem am schwersten verwundeten Lieutenant Kagan niedergelassen und nach einer erneuten Überprüfung der Vitalzeichen des jungen Offiziers ebenfalls gewagt ein wenig zu ruhen. Ronon hatte es sich unterdessen so an der äußeren Höhlenwand bequem gemacht, dass er sie alle von seiner Position aus gut im Blick behalten konnte. Dabei hatte auch er schnell eine eher ruhende Körperhaltung eingenommen.
Aus Rücksicht auf ihre Kollegen, hatten John und sie ihre Unterhaltung in leisen Stimmen fortgeführt, dabei waren sie schließlich auch auf die Morse-Zeichen gekommen. Nachdem sie offensichtliches Interesse an diesen bekundete, hatte John ihr das dahinterstehende System sowie die Anwendungsmöglichkeiten und Vorteile bereitwillig erläutert, ehe er sogar dazu übergegangen war diese Zeichen zu zeigen. Natürlich nicht alle auf einmal. Er hatte mit lediglich drei oder vier der kodierten Buchstaben begonnen, welche er in direkter Abfolge hintereinander mit den jeweiligen Pausen darstellte. Diese waren für die Zwischenräume während der Buchstaben selbst kürzer und für die Abtrennung der unterschiedlichen Buchstaben voneinander deutlich länger ausgefallen.
Teyla erinnerte sich, wie sie ihrem Teamleiter ihre rechte Hand entgegengehalten hatte, damit John mit seinen Fingern über Druck auf ihre Handfläche die unterschiedlichen Abfolgen darstellen konnte. Anfangs hatte er die Buchstaben dabei noch mitgesprochen, doch bereits nach kurzer Zeit hatte er sie dazu animiert die Bedeutung eigenständig zu erkennen. Sobald ihre Antworten einigermaßen sicher wurden, hatte er die Abfolgen für ein oder zwei weitere Buchstaben hinzugefügt. Die Stunden bis zur Ankunft der Deadalus waren dank dieses lehrreichen Spiels wie im Flug vergangen. Sie war beinahe etwas enttäuscht gewesen, als Colonel Cardwell schließlich per Funk die Ankunft ihrer „Mitfahrgelegenheit“ angekündigt hatte.

Die Gedanken der jungen Frau sprangen wieder zurück ins hier und jetzt. Diese Berührung gerade eben… sie erinnerte sie an diese Zeit auf diesem Planeten. Sie hatten die Morse-Codes im Nachgang zwar noch einige Male gemeinsam wiederholt, um sie in ihrem Gedächtnis zu festigen. Jedoch zum Bedauern der Athosianerin in der Regel in Form von Klopf- oder Lichtzeichen, die nicht die gleiche Nähe und Intimität geboten hatten.
Doch dieser Moment gerade… dieser kontrollierte Druck von Johns Daumen… Sie konnte sich nicht vorstellen, dass das einfach nur eine willkürliche Handlung gewesen sein sollte. Und noch etwas sprach dafür, dass es sich um eine bewusste Nachricht gehandelt haben könnte. Es war der Buchstabe "T" gewesen und somit der Beginn ihres Namens. Dieser hatte zu den ersten gehört, die er ihr beigebracht hatte, ebenso wie den Morse-Buchstaben, der für den Beginn seines eigenen Namens stand; das "J".
Natürlich konnte sie sich nicht sicher sein und wahrscheinlich würden andere ihr mitteilen, dass sie derzeit von Wunschvorstellungen geleitet werde. Aber der Gedanke, dass John ihr mit dieser kurzen Geste womöglich mitteilen wollte, dass er ihre Stimme erkannt und ihre Nachricht verstanden hatte, wollte sie nicht loslassen.
Teyla musste nicht lange nachdenken, um sich daran zu erinnern, wie die Abfolge für das "J" aussah (.---). Für einen kurzen Augenblick festigte sie ihren Griff um Johns Hand, ehe sie seinem Beispiel folgte. Langsam und präzise übte sie nun ebenfalls mit dem Daumen leichten Druck auf seinen Handrücken aus. Sie drückte einmal kurz - dann eine Pause - das zweite Mal Drücken war länger, ebenso wie das dritte und vierte Mal. Sobald sie alle vier Bestandteile dieses Buchstabens in kurzer Abfolge dargestellt hatte, hob die junge Frau ihren Blick. Ihre Augen richteten sich wieder auf das Gesicht ihres Teamleiters, auf der Suche nach der geringsten Reaktion dort. Hatte er verstanden, was sie ihm sagen wollte? Das seine Nachricht bei ihr angekommen war? Und konnte dies wirklich bestätigen, dass auch ihre vorangegangenen Worte an ihn sein Bewusstsein erreicht hatten?

Ein stimmloser Seufzer begleitete das leichte Absacken von Teylas Schulter, als ihre Hoffnungen eine Bestätigung zu finden schienen. Johns Atmung wurde tatsächlich langsamer, wie sie von ihm erbeten hatte. Die einzelnen Atemzüge waren gleichzeitig tiefer, sie konnte dies an der nun viel deutlicheren Bewegungen seines Brustkorbes erkennen. Die krampfhafte Anspannung schien langsam aus seinen Gesichtszügen zu weichen, wie auch aus dem Rest seines Körpers. Seine Hand lag noch immer fest in der ihren, aber auch hier hatte die Kraft seiner Finger erneut etwas nachgelassen. Sie spiegelte den Druck seines Griffes noch immer mit ihrer eigenen Hand, in der Absicht ihn weiterhin wissen zu lassen, dass er nicht alleine war und weiterhin auf ihre Unterstützung vertrauen konnte. Sie nahm sich vor den Offizier nicht loszulassen, ehe die Narkose ihre volle Wirkung entfaltet hatte und er wieder in eine tiefe Bewusstlosigkeit abgedriftet war. In dieser würde er hoffentlich die erforderliche Ruhe finden, damit sein Körper heilen konnte.
Sobald die Ärzte der Auffassung waren, dass er bereit dafür war, würden sie ihn aufwachen lassen. Und Teyla war sich nun sicher, dass John an diesem Punkt vollständig zu ihnen zurückkommen würde. Denn trotz allem, was er durchgemacht hatte, war sein Bewusstsein noch da. Das zeigte ihr der Umstand, dass er an die Morse-Codes gedacht und diese gezielt für seine Antwort an sie genutzt hatte.

Dieser stille Erfolg ließ den Ansatz eines Lächelns auf Teylas Mundwinkeln erscheinen. Als sie ihren Kopf hob und in Dr. Fraisers Richtung blickte, spiegelten ihre Augen das tiefe Gefühl der Dankbarkeit wieder, dass die Athosianerin gegenüber der etwas älteren Frau empfand. Sowohl für ihre Mühe im Bezug auf Johns Behandlung generell als auch für ihre Entscheidung sie in das aktuelle Geschehene miteinzubeziehen, statt auszuschließen. Die Feinfühligkeit, die ihr diese Ärztin am heutigen Tag demonstriert hatte, würde sie ewig in Erinnerung behalten und zu schätzen wissen.
Auf Dr. Fraisers Zunicken reagierte Teyla ebenfalls mit einem kurzen Absenken des Kopfes, anschließend wandte sie sich für einige weitere Worte wieder ihrem Teamleiter zu.


"Das ist es, Colonel - einatmen - ausatmen. Sie machen das hervorragend", begann die Athosianerin erneut in einem sanften Tonfall mit dem Offizier zu sprechen. Auch dieses Mal drückte sie begleitend für einen kurzen Moment seine Hand etwas fester. Jetzt, wo sie sich sicher war, dass er sehr wohl in der Lage war sie zu hören und zu verstehen, war es für sie umso wichtiger diese Art des Kontaktes beizubehalten. John mochte derzeit nicht in der Lage sein ihnen mit Worten zu antworten, aber sie würde weiterhin wachsam auf seine Finger achten, um ihm die Möglichkeit zu geben, sich auf diesem Wege auszudrücken.

Dann, plötzlich und für Teyla völlig unerwartet, wurde sie auf einen Schlag aus diesem Augenblick voller vorsichtig optimistischer Emotionen herausgerissen.
Das Licht und sämtliche technischen Geräte im Raum fielen für den Bruchteil einer Sekunde aus. Eine unangenehme Schwärze und Stille legten sich rasend schnell über den Raum, ehe die Beleuchtung ruckartig zurückkehrte. Irritiert blickte die junge Frau auf. Doch sie kam nicht dazu sich zu erkundigen – geschweige denn zu verstehen - was soeben geschehen war oder auch nur wahrzunehmen, dass Rodney und Carson in ihrem Rücken offenbar etwas an einem Kontrollpanel angestellt hatten. Denn noch ehe die technischen Geräte um sie herum ihre Funktionen wieder vollständig aufgenommen hatte, bäumte sich Johns Körper ohne jegliche Vorwarnung auf. Seine zuvor deutlich gelockerte Muskulatur wurde plötzlich von heftigen und unwillkürlich erscheinenden Kontraktionen ergriffen, als würde sein Körper aus ihr unbekannter Ursache von höllischen Schmerzen geplagt.
Die Augen der Athosianerin weiteten sich vor Schreck als Reaktion auf diese Entwicklung. Ihre Pupillen schossen unruhig in dem plötzlich viel lauter und chaotischer wirkenden Raum hin und her. Ihr Blick glitt über Johns zunehmend stärker krampfenden Körper, dann hinüber zu dem medizinischen Personal, das auf einmal in zig Aufgaben zugleich eingebunden zu sein schien, und wieder zurück. Was war gerade bloß passiert??

Teyla wusste es nicht... Sie konnte sich nicht erklären, was auf einmal schief gelaufen war...
Unfähig in der aktuellen Situation zu unterstützen, ließ die Athosianerin sich von dem medizinischen Personal etwas zur Seite drängen. Aber sie wich dennoch nicht gänzlich von dem Krankenbett ihres Teamleiters zurück und ließ auch dessen Hand nicht los. Das konnte sie nicht… und würde sie auch nicht, ehe man es von ihr verlangte.
Die Ärzte und Helfer um sie herum schienen unterdessen mit jeder Minute in zunehmend hektischere Handlungen zu verfallen. Teyla nahm all dies wie durch eine Art Schleier wahr. In ihren Gedanken überschlugen sich die unzähligen Befürchtungen und Sorgen, die sich ihr aufgrund der veränderten Situation erneut aufdrängten. All dies sorgte dafür, dass sie die diversen Stimmen um sich herum, darunter auch die wiederholten Zeitansagen, kaum noch zu verarbeiten wusste. Unruhig huschten die tiefbraunen Augen der Athosianerin immer wieder zwischen Johns Gesicht und seinem weiterhin in diesem Krampfanfall gefangenen Körper hin und her, während sich ihre Zähne unbewusst so tief in ihre Unterlippe gruben, dass darunter sogar Blut austrat. Auch inhaltlich war sie längst nicht mehr in der Lage viel mit den verschiedenen Anweisungen und Meldungen anfangen zu können. Doch das brauchte sie nicht. Dass sich Johns Zustand gerade rapide verschlechterte, war allein durch seinen Anblick für sie unverkennbar.
Die Muskulatur ihres Kiefers begann zu zucken, eine Folge der Spannung, die sich darin aufgebaut hatte. Sogar Johns Hand war inzwischen von den heftigen Muskelreaktionen betroffen, die den Rest seines eh schon geschwächten Körpers weiterhin fest im Griff zu haben schienen. Er drückte ihre Finger zeitweise mit einer Stärke aneinander, die zunehmend schmerzhafter wurde. Dennoch war Teyla nicht bereit sich aus seinem Griff zu lösen. Diese letzte Verbindung würde sie aufrechterhalten, solange es ihr gestattet wurde.

Obwohl ihre eigene Unfähigkeit in der aktuellen Situation etwas Hilfreiches beizutragen eine regelrechte Qual für sie darstellte, konnte Teyla sich einfach nicht abwenden. In diesem Augenblick wünschte sie sich kaum etwas sehnlicher, als etwas tun und John irgendwie helfen zu können. Dennoch reagierte ihr Körper mit einem leichten Zusammenzucken, ähnlich wie bei einem Schreck, als Dr. Fraiser sie erneut ansprach und noch einmal dazu aufforderte mit ihrem Teamleiter zu sprechen.
Im ersten Augenblick von ihrer eigenen Unsicherheit übermannt, senkte Teyla ihren Blick. Ihre Lippen öffneten sich einen Spalt, obwohl ein Gefühl der Enge in ihrer Brust sie keinerlei Ton hervorbringen ließ. Sie wusste nicht was sie sagen sollte. Was sie sagen konnte, um John jetzt noch zu erreichen. Auch wenn sie in medizinischer Hinsicht keinerlei Vorstellung davon hatte, was genau derzeit mit ihm passierte, war sie sich einer Sache aus irgendeinem Grund absolut sicher: Er hatte Schmerzen. Schmerzen, die so unvorstellbar stark sein mussten, dass sie ihm jegliche verbliebene Kontrolle über seinen Körper entrissen hatten. Wie sollte sie diese bloß durchbrechen und ihn dennoch erreichen?
Die Athosianerin biss sich erneut auf die Lippe und schmeckte dabei erstmals das warme Blut, das sich über diese empfindliche Haut ausgebreitet hatte. Begleitend mit dieser Realisation, merkte sie auch, dass sich erneut ein Schleier aus Feuchtigkeit auf ihre Augen gelegt hatten. Nein, das durfte sie nicht zulassen. Sie konnte jetzt nicht aufgeben, sich den Ängsten in ihrem Inneren hingeben und untätig bleiben. Dr. Fraiser hatte Recht, sie hatte ihn bereits erreicht. Sie musste es einfach noch einmal versuchen.
Die junge Frau nahm einen tieferen Atemzug und trat erneut näher an das Krankenbett des Offiziers heran, ehe sie ihren Körper, insbesondere ihre Stimme, dazu zwang genau das zu tun, worum sie gebeten wurde und was jetzt erforderlich war.


„John… John, hören Sie mich… ich bin bei Ihnen. Was auch immer Sie durchmachen, Sie sind nicht allein…“, Teyla stockte und konzentrierte sich erneut auf die bereits zuvor so wichtige körperliche Verbindung, die sie zu ihm aufgebaut hatte. Behutsam aber dennoch kraftvoll erwiderte sie erneut den starren Griff seiner krampfenden Finger. Sie musste ihn wissen lassen, dass sie noch da war, auch auf diesem Wege.
Aus einem inneren Impuls heraus nahm sie auch ihre zweite Hand dazu und legte diese von außen um die seine. Sie spürte deutlich die Kälte, die noch immer durch die Herabkühlung seines Körpers von Johns Haut ausging. Vielleicht war es ihm inmitten seiner muskulären Krämpfe nicht möglich ihren nun wieder festeren Griff wahrzunehmen. Womöglich ging dieser verschwindend gering erscheinende Reiz in der Welt aus Schmerzen, die ihn gefangen hielt, vollkommen unter. Aber sie hoffte inständig, dass es ihm zumindest irgendwie möglich sein würde die Wärme zu fühlen, die von ihrem eigenen Körper ausging.


„Ich bin hier, John, ich halte Ihre Hand und ich werde Sie nicht loslassen…“, begann sie erneut ihren Teamleiter in einem sanften und ruhigen Tonfall anzusprechen. Ihr Fokus lag nun vollständig auf ihm. Obwohl der Anblick durchaus beängstigend wirkte, wagte sie es nicht auch nur für einen Sekundenbruchteil ihre Augen von seinen von Schmerz geprägten Gesichtszügen zu lösen. Stattdessen blendete sie alles andere um sich herum, das Piepsen der Gerätschaften, die vielen Stimmen und Bewegungen, vollständig aus.
„Ich weiß, Sie haben Schmerzen… aber wir sind hier, wir versuchen Ihnen zu helfen. – Bitte… konzentrieren Sie sich auf die Wärme meiner Hand - Nicht auf die Schmerzen, nicht auf die Kälte - Suchen Sie die Wärme, John. Und dann atmen Sie mit mir, tief und ruhig, ein… und aus… Versuchen Sie loszulassen. Sie müssen sich nicht festklammern - nicht an den Schmerzen, nicht daran wach zu bleiben. Sie dürfen schlafen, John, und ich werde Sie halten.“
“We are going to fight. We are going to be hurt. And in the end, we will stand.”
― "Roland Deschain" aus Stephen King, "The Drawing of the Three"

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Tamara Johansen
Sanitäterin Atlantis
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Beitrag von Tamara Johansen » 10.01.2026, 01:09

Die Anspannung aller Anwesenden im Isolationsraum 2 war spürbar und das aus verständlichen Gründen. Denn der Zustand des Colonel war kritisch. Sehr kritisch. TJ hatte bereits einiges gesehen und erlebt. Das meiste davon im SGC. Sowohl auf der hiesigen Krankenstation, als auch bei Einsätzen auf Fremdweltmissionen. Letztere waren glücklicherweise seltener gewesen, als ihr Dienst unter der Chefärztin, Janet Fraiser. Der Ärztin, die für sie eine Art Mentorin und auch ein unausgesprochenes Vorbild war, hatte sie viel zu Verdanken. Viel von dem Gelernten, das sie selbst anwandte, hatte sie durch das Wissen und Erfahrung der Älteren gewonnen. Würde sie nur einen Teil von dem wiedergeben und dabei gleichzeitig so professionell sein können, würde sie das vermutlich zu einer guten Ärztin machen.
Man musste sich einmal vorstellen unter welchen Bedingungen die Chefärztin, in den vergangenen Jahren, Patienten betreut, versorgt und operiert hatte. Von derartigen Verletzungen unbekannter Waffen, über die Behandlung von unbekannten Krankheitsbildern, über Stoffe, Bakterien und Viren, von denen man nicht einmal wusste das es sie gibt, bis hin zu unvorstellbaren Heilpraktiken. Dazu noch außerirdische Genetik und Physiologie. Selbst wenn es möglich wäre, all jene medizinischen Diagnostikern, Behandlungen und Therapien im Geiste abzurufen, war das, im Vergleich zum Weltraum, ein Witz. Es wäre schön zu behaupten das die Situationen, in denen man einfach nur hilflos war, selten waren. Mehr als einmal stand man vor einem medizinischen Rätsel, das einen klarmachte, wie unbedeutend ihre medizinischen Kenntnisse waren.
Auf der anderen Seite jedoch und das war wohl das, auf das man wirklich stolz sein konnte, ließen sie sich nicht unterkriegen. Ja, man stand vielleicht ahnungslos vor einer Situation, aber trotz alledem, stand man nicht still herum, sondern agierte, handelte, leistete sein bestes und versuchte sich, wie auch die Medizin immer neu zu erfinden. Allein für den Einfallsreichtum, der Kreativität und dem Umdenken in so schwierigen und kritischen Lagen, hätte, ihrer Meinung nach, Doktor Fraiser mehr als eine Auszeichnung des Lobs, der Dankbarkeit und ihrer Leistungen, verdient.

So wie in diesem Moment, in dem die ältere Ärztin so beherrscht und professionell agierte, zeigte sich, dass es Menschen gab, die ihren Beruf voller Leidenschaft und vom Herzen her ausübten. Beruf von Berufung her und auch wenn Janet sichtbar angespannt war, so beeindruckend wirkte die Ärztin auf die blonde Sanitäterin, zeigte ihr abermals wie sehr ihr selbst der medizinische Beruf am Herzen lag. Nicht aus Eigennutz, den Lobpreisungen oder einem gewissen Ansehen heraus, sondern weil ihr Menschen, Mitmenschen, und ihr Wohlergehen, sehr am Herzen lagen. Charakteristiken die, ihrer Meinung nach, einen guten Arzt ausmachten, waren Empathie, Mitgefühl, Verständnis wie auch Fürsorge. Ärzte die auf Menschen zugingen, sich ihrer annahmen, die etwas weniger auf sich achteten und dadurch die Dinge näher an sich heranlassen. Das machte es sicherlich nicht einfach. Man konnte daran zerbrechen, wenn man die Distanz nicht wahrte. Die Gefahr bestand, aber genauso konnte man bereits beim Verlassen des Hauses von einem Auto erfasst werden. Möglichkeiten verletzt zu werden, waren unendlich. Gewiss musste man sich keine Risiken aussetzen. Schon gar nicht der eigenen Mentalität, aber wollte sie wirklich kalt, unnahbar und gefühllos agieren?
Die Antwort war einfach: nein! Dafür besaß sie viel an Eigenschaften, die sie für wichtig hielt, die sie nicht einfach als eine Göttin in Weiß darstellen würde. Vielleicht durfte sie es sich es als Sanitäterin auch mehr erlauben, da der Handlungsspielraum kleiner ausfiel und sie lediglich Grundversorgung übernahm, im besten Falle assistierte, aber niemals selbst das OP-Besteck führte, langfristige Betreuung eines Patienten und seine Therapie begleitete, Dokumentation übernahm oder, im Worstcase mit Angehörigen sprechen musste. Doch all das, was ist und wäre, mochte ein vages Zukunftsbild sein, das sie in zwei Wimpernschläge ausmalte, während sie die Anweisungen ihrer Mentorin umsetzte. Ohne nachzufragen, tat sie, was ihr Janet auferlegte. Die Zeit im Cheyenne Mountain hatte ein ideales Zusammenspiel geschaffen, bei der TJ wusste die Anweisungen zur Zufriedenstellung ihrer Vorgesetzten durchzuführen. Nebenbei prägte sie sich dazu auch ein was ihre Mentorin tat. Vor der Sache mit der Rapiditas, hatte sie die Air Force verlassen wollen, um ihr Stipendium für ein Medizinstudium in Seattle anzunehmen. Der Angriff der Ori gegen die Erde, hatte ihre Pläne vorerst auf Eis gelegt. Ob sie jemals dazu kommen würde, stand in den Sternen und sollte es doch, eines Tages, möglich sein, wären Praxiskenntnisse ein Vorteil.
Die Situation schien sich zu beruhigen, die eingeleiteten Maßnahmen schienen zu greifen und TJ atmete erleichtert durch. Kritische Fälle hatte es früher schon gegeben, doch John Sheppard wollte scheinbar die Liste 'der schwierigsten Fälle' ganz nach oben klettern. Das die Doktoren Beckett und McKay dazu gekommen war, obwohl es sich beim letzten um einen, soweit sie gehört hatte, schwierigen Physiker handelte, hatte sie nur kurz zur Kenntnis genommen. Der Chefarzt von Atlantis hielt sich bedeckt und ließ die Zügel in Janets Hände. Ein arroganter Ober- oder Chefarzt, ein 'Gott in Weiß', hätte vermutlich Ansprüche gestellt in seiner Krankenstation, seine Leute zu behandeln. Arschlöcher gab es jedem Beruf. Der Schotte gehörte nicht dazu, schien sich mit dem Kanadier mehr zu beschäftigen, aber da es nur am Rande ihres Blickfelds passierte, bekam sie nicht wirklich was davon mit. Sie hinterfragte auch nicht die Anwesenheit der Männer, denn dafür hatte sie nicht die Zeit. Ihre Aufmerksamkeit und Konzentration galt den beiden Colonels. Zum einen ihrer Chefin, der sie weiterhin zur Hand ging, als auch ihren Patienten und dessen Versorgen.

So sehr sich der Zustand zu bessern schien, so dramatisch wendete sich das Blatt in gefühlten Buchteilen von Sekunden. Kurz zuckte die Blonde zusammen, als das Licht ausging und sämtliche medizinische Geräte den Geist aufgaben. Ein Stromausfall. Es schien als würde eine höhere Macht seine Finger im Spiel haben. Eine sadistische Boshaftigkeit der es vergnügen bereitete den Air Force Offizier leiden zu lassen. Es waren Sekunden, in denen der Isolationsraum von der Dunkelheit durchdrungen wurde und TJ nur die Silhouetten der Anwesenden erkennen konnte. Das Licht schaltete sich ein, flutete den Raum und ließ die Sanitäterin zweimal hintereinander schnell blinzeln. Das Summen der medizinischen Geräte stimmte ein, doch sie mussten erst einmal wieder hochfahren. Bis dahin gab es keine Möglichkeit messbare Werte abzulesen. Als wäre das noch nicht alles, fing Sheppard an sich zu krampfen. Der Zustand des Colonel verschlechterte sich zusehends. Es bedurfte nicht ein einziges Gerät, um das festzustellen, zu müssen.
Was immer dem Colonel widerfahren war, musste gewaltige Spuren hinterlassen haben. Tamara spürte wie ihre eigene Anspannung angestachelt wurde. Eigentlich hatte sie versucht abzuschalten, den Flug abklingen zu können. Das Geschehene in den unteren Ebenen sacken und verdauen zu können. Die Sache mit Julie, die von einem der Hörner dieses Tieres durchbohrt worden war. Ihr verzweifelter Versuch der Tok'ra zu helfen. Obwohl sie bereits von der ersten Sekunde an gewusst hatte, das der Schnitter sie holen würde und sie im Grunde bereits tot war, hatte sie sich in diesen 'Kampf' gestürzt. Das Herz der Frau schlug, pumpte weiterhin das Blut, das sich aus der großen Brustwunde ergossen hatte. Schneller als TJ überhaupt es hätte verhindern können. Schließlich war der Blutverlust zu groß gewesen. Ihre letzte Erinnerung an die Tok'ra war der gebrochene Blick und die glasig gewordenen Pupillen. Die Augen der jungen Frau hatte sie geschlossen und doch würde sie diesen Blick vermutlich niemals vergessen können.
Die dramatische Wende im Kampf um das Leben des Colonels fachte sie jedoch vom neuen an. Ihr Körper schüttete Adrenalin aus, das sie von der in den Muskeln und Knochen sitzende Müdigkeit befreite. Die Erschöpfung würde sie wahrscheinlich doppelt zu spüren bekommen. Vermutlich würde sie einfach in ihrer zugewiesenen Unterkunft mit der gerade getragenen Uniform einfach weg schlummern. Im Hier und Jetzt funktionierte sie einfach, tat und handelte nach Anweisung von Fraiser indem sie den Oberkörper des Kampfpiloten fixierte. Sein Krampfanfall erinnerte sie stark an Epilepsie. Sie hatte einen Bekannten, der unter dieser Erkrankung litt. Zwar gab es Medikamente die dies verhinderten, aber ihn nicht gänzlich davon befreiten und er ein- bis zweimal im Jahr dennoch unter einen epileptischen Anfall zu leiden hatte.
Trotz des Midazolam zog sich der Krampfanfall über etliche Minuten hinweg. Für TJ kam es gefühlt eine Ewigkeit vor und hätte man die Sanitäterin gefragt, hätte sie von gefühlten fünfzehn bis zwanzig Minuten gesprochen. Mittlerweile war auch Doktor Beckett dazu gezogen worden. Etwas mit dem Venenkatheter stimmte nicht. Mit Sicherheit hatte sich Sheppard diesen hinaus gerissen Sie erlaubte sich keinen Blick, sondern konzentrierte sich weiterhin darauf, den Oberkörper des Mannes zu fixieren. Das anhaltende Krampfverhalten verlangte wirklich viel von ihr ab, sie spürte ein Kribbeln in den Gliedern ihrer Hände und auch in den Muskeln zog es. Ihr Körper versuchte die Belastung mit einer Schonhaltung entgegenzuwirken, die Tamara jedoch nicht zuließ, es würde nur dazu führen das sie an Kraft einbüßte ihn fixiert zu halten.
Alles schien von der Athosianerin abzuhängen, die in einer sehr beruhigenden Art und Weise mit dem Dunkelhaarigen umging. TJ hoffte nur das es half und sich das Blatt im Kampf um das Überleben des Lt. Colonel ein letztes Mal wendete zugunsten des Mannes.

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